Ostpolitik im Vatikan. Pius XII. und die Vertreibung der Deutschen
Papst Pius XII. (1939-–1958) war seit seiner Nuntiatur in Deutschland während der 1920er Jahre mit den politischen Gegebenheiten des Landes vertraut. Auch während des Zweiten Weltkriegs hielt er Kontakt zu den deutschen Bistümern. Als sich nach Kriegsende die Berichte an die Kurie über die Kriegsschäden und Flüchtlingsströme verdichteten und sie immer mehr Briefe von Betroffenen erreichten, war es auch seine diplomatische Erfahrung, die Pius zum Handeln bewog. Unter anderem entsandte er Hilfsgüter und einen Apostolischen Nuntius.
Das Projekt sichtet die im Apostolischen Archiv im Vatikan nun seit Kurzem zugänglichen Materialien der Diözesen in Deutschland, aber auch der Nuntiaturen in den Abstammungsländern der Vertriebenen. Eine Besonderheit sind dabei Berichte und Korrespondenzen Vertriebener direkt aus der Situation ihrer Umsiedlung, aber auch noch während ihrer Lagerhaft in der Tschechoslowakei. Somit werden auch noch acht Jahrzehnte nach Flucht und Vertreibung neue Zeitzeugenberichte unmittelbar Betroffener erschlossen. Sie ergänzen die später erstellten Dokumentationen der Vertreibung.
Pius‘ Politik gegenüber den Staaten des östlichen Europas, die nach der sowjetischen Besetzung einer Sowjetisierung unterworfen waren, prägte im Weiteren ebenfalls seine Erfahrung, die er als Diplomat in den 1920er Jahren in direkten Verhandlungen mit den Bolschewiken angemacht hatte. Dazu kam die Erinnerung an die rigorose Verfolgung von Geistlichen und Gläubigen jener Zeit in der Sowjetunion. Das Projekt untersucht die spezifischen Positionen des Heiligen Stuhls den einzelnen Ländern gegenüber und zeichnet nach, welche Veränderungen sich durch die Grenzverschiebungen nach 1944/45 auch für die kirchliche Politik dem östlichen Europa gegenüber ergaben.