
Daniela Neri-Ultsch, Gertrud Müller. Brückenbauerin zwischen Bayern und Polen. Eine Biographie zwischen Heimatverlust, Emanzipation und Völkerverständigung. München 2026.
Die Studie nimmt am Beispiel der Lebensgeschichte von Gertrud Müller die Rolle von Frauen bei Flucht, Vertreibung und Neubeginn in Bayern in den Blick. Geboren 1936 in Gleiwitz (Oberschlesien), floh sie im Alter von knapp neun Jahren mit ihrer Mutter und drei Geschwistern im Januar 1945 nach Bayern. Ihre Kindheit war geprägt von Verlust, Ungewissheit und dem raschen Lernen von Verantwortlichkeiten: Von der Schülerin in einem katholischen Internat, in dem sie als „Flüchtlingsmädchen“ einen Sonderstatus hatte, bis zur Industriekauffrau, die trotz Familiengründung berufstätig blieb. Sie engagierte sich in der oberschlesischen Landsmannschaft (LdO), Kreisgruppe München, im Bund der Vertriebenen, Landesverband Bayern, und wurde nach 1990 als Vorsitzende der Kreisgruppe München zur Brückenbauerin zwischen Bayern und Polen.
Die nun vorgelegte kompakte Lebensskizze verdeutlicht, dass Gertrud Müller nicht nur ein vielschichtiges und eindrucksvolles Beispiel für die gesellschaftliche, kulturelle, soziale und wirtschaftliche Partizipation von Heimatvertriebenen aus der Kriegsgeneration ist, sondern auch, welche Leistungsfähigkeit sie entfalten konnte. Anhand ihrer Biografie wird deutlich, wie vertriebene Frauen durch Bildung, Berufstätigkeit und zivilgesellschaftliches Engagement neue Rollenmodelle schaffen, wirtschaftliche Unabhängigkeit mit sozialer und politischer Teilhabe verbinden und damit tradierten Geschlechterrollen neue Impulse geben konnten. Darüber hinaus zeigt das Beispiel, wie transnationale Netzwerke sowie kultur- und gesellschaftspolitischer Austausch zwischen Bayern und Polen zu einer nachhaltigen europäischen Verständigung und Versöhnung beitragen, die auch heute wirkt.
Die Studie macht gleichzeitig ein Kapitel der bayerischen Nachkriegsgeschichte sichtbar: Die Biografie veranschaulicht, wie heimatvertriebene Frauen durch ihr vielseitiges Engagement kulturelle, wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen in Bayern maßgeblich mitgestaltet haben. Frauen und ihre Rolle beim Gelingen der Integration der Flüchtlingsfamilien in Bayern verdienen einen eigenen Platz in der Erinnerungskultur. Die Stärke, das Durchhaltevermögen und der Beitrag dieser Frauen zu einer gemeinsamen Zukunft erfordern eine angemessenere Anerkennung, Würdigung und Sichtbarkeit im öffentlichen Bewusstsein als ihnen bisher zugedacht war.
Bestellbar auf der Seite des Allitera-Verlags: https://allitera-verlag.de/buch/gertrud-mueller/